Der Neandertaler

Vor 100.000 Jahren tauchte der Homo sapiens neandertalensis zeitgleich mit dem Homo sapiens sapiens auf. Der Neandertaler entwickelte sich vermutlich aus dem Homo heidelbergensis und war ein sehr erfolgreicher Vertreter der Gattung Homo. Gelebt hat er vor allem in Europa, aber auch im Nahen Osten findet man seine Überreste. Vielleicht sind die ersten modernen Menschen den Neandertalern begegnet. Als erstes dürfte ihnen die kleine aber kräftige Statur aufgefallen sein. Die Körpergröße betrug um die 1,60 Meter und er konnte zwischen 75 und 100 Kilogramm wiegen. Seine Knochen waren sehr schwer und sein Muskelanteil hoch. Im Gesicht dürften zuerst die markanten Überaugenwülste heraus gestochen haben. Desweiteren besaß er große Augen und eine große Nase. Der Hirnschädel war länglich und enthielt ein Gehirn von bis zu 1600 cm³ Volumen. Damit hatte der Neandertaler ein größeres Gehirn als der Homo sapiens sapiens. Mit diesen biologischen Merkmalen war er optimal an die kalten Klimata der Eiszeit angepasst. Seine große Nase erwärmte die Atemluft, bevor er sie einatmete und die vielen Muskeln erzeugten zusätzliche Wärme. Außerdem setzten die Neandertaler neue Maßstäbe in der Werkzeugherstellung (Mousterién-Kultur). Er entwickelte neue Methoden und Techniken für die Herstellung und Anwendung. Die Klingenkerntechnik war eine dieser Neuerungen. Bei dieser Technik wird der obere Teil eines runden Flintsteins abgeschlagen und dann von außen nach innen am Kern entlang gearbeitet, was eine Menge an Splittern ergab, die weiterverarbeitet werden konnte. Eine erste Massenfertigung war möglich. Neben Faustkeilen und Schabern wurden Spitzen und die ersten einseitigen Messer hergestellt. Der Speer war ein weiteres Hilfsmittel, dass dem Neandertaler zu seinem großen Erfolg verhalf. Da Fleisch wohl das wichtigste Nahrungsmittel der Neandertaler war, mussten sie auf die Jagd gehen. Auf diesem Gebiet entwickelten sie ebenso Neuerungen, die sie sehr erfolgreich werden ließen. Geplante Treibjagden waren die beste Strategie, um an große Mengen Fleisch zu kommen. Mammuts, Rehe, Nashörner, Bären, Pferde und viele andere große Tiere wurden regelmäßig gejagt. Die Fleischmengen, die nicht sofort verwertet werden konnten wurden eingegraben und waren im frostigen Boden sehr lange haltbar.

An technischen Meisterleistungen mangelt es bei den Neandertalern nicht. Im Harz lebten welche, die Pech als Klebstoff benutzten. Kleidung wurde nun hergestellt und schützte den Menschen zusätzlich in den kalten Gebieten.

Eine ganz besondere Eigenschaft der Neandertaler war ihr Hang zu Kulten. Meist bezog sich dieser auf Tiere, die in ihrem Lebensraum lebten. So war der Bärenkult weit verbreitet und einige Funde lassen vermuten, dass erste Zeremonien um diese Kulte abgehalten wurden. Ganz besonders ist aber, dass die Neandertaler eine Vorstellung von Leben nach dem Tod hatten und ihre Toten bestatteten. So wurden ihnen nach dem Tod Gegenstände, Nahrung und Waffen mitgegeben, eventuell um sie auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten. Wie heute noch wurden den Verstorbenen Blumen auf das Grab gelegt, vermutlich weil man ihnen Heilpflanzen auf ihrer Reise mitgeben wollte. Nicht nur nachdem ein Angehöriger verstorben war zeigten die Neandertaler Mitgefühl. Wir haben heute Beweiße, dass sie auch kranke und alte Menschen pflegten. So zeigt ein Fund aus Schanidar im Norden Iraks, dass ein Mann, der viele Schicksalsschläge aushalten musste, bis ins hohe Alter gepflegt wurde.

Vor rund 27.000 Jahren starb der Neandertaler aus. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler wurde der Neandertaler von den modernen Menschen zunehmend verdrängt. Es gibt auch Meinungen, die eine Vermischung der beiden Arten für möglich halten. Jedoch hat der moderne Mensch einen enormen Druck auf den Neandertaler ausgeübt, da er über eine ganze Reihe von Vorteilen verfügte. Er konnte bessere Werkzeuge herstellen, konnte besser mit Ressourcen umgehen, hatte eine bessere soziale Organisation, hatten weniger Risiko zu erkranken oder sich zu verletzen, die Kindersterblichkeit war niedriger, die Individuen wurden älter und sie waren fruchtbarer.

Ein gravierender Unterschied zum Homo sapiens sapiens ist zudem, dass sich bei den Neandertalern keine Zeugnisse von Kunst finden lassen. Keine Höhlenmalereinen, keine Figuren und kein Schmuck. Diese neuen Errungenschaften brachte erste der Homo sapiens sapiens hervor.