Das archaische Griechenland

Im 8. Jahrhundert kam es zu einem bedeutenden Wandel der ökonomischen Strukturen. In den Funden dieser Zeit erkennt man eine deutliche Zunahme der Kornspeicher und eine geplante Verwertung des Ölbaums als Nutzpflanze. Der Ackerbau nahm wieder eine wichtige Stellung in diesem Wirtschaftssystem ein. Damit wurde die Bindung an ein bestimmtes Stück Land wichtiger und Besitz war wieder eine feste Größe der Gemeinschaft. Auf dieser Grundlage bildeten sich größere Siedlungsgemeinschaften, die langsam zu urbanen Zentren (zum Beispiel in Athen, Korinth, Megara, Lefkandi, Nichoria, Olympia, Delphi und Troja) heranwuchsen. Daraus entwickelte sich die Polis, die die Basis der späteren Gesellschaften in Griechenland bilden sollte. Die nun einsetzende Kolonisation begünstigte diesen ganzen Prozess und die Dark Ages waren nun endgültig überwunden.

Handelskontakte, die nie ganz abbrachen, wurden nun wieder mehr in Anspruch genommen. Es gab Verbindungen bis nach Ägypten, Zypern und Phönikien. Von letzteren wurde das Alphabet übernommen und modifiziert. Es enthielt nun Zeichen für Konsonanten und Vokale, wodurch alle Laute dargestellt werden konnten. Weniger als 30 Buchstaben waren nötig, dies erleichterte das Erlernen einer Schrift ungemein. Sehr schnell verbreitete sich die Schrift in ganz Griechenland und es entstanden zahlreiche regionale Unterschiede.

Andere kulturelle Wandlungen fanden ebenfalls statt. So kam es wieder zur Verwendung der Keramik und viele neue Heiligtümer entstanden, zum Beispiel das des Zeus in Olympia oder das des Apollon in Delphi.

Innerhalb der Gemeinschaften kam es zu deutlichen sozialen Differenzierungen und die ersten aristokratischen Schichten erschienen.

Die homerischen Epen
Ganz am Anfang der archaischen Zeit stehen die ältesten literarischen Überlieferungen unseres Kulturkreises ? die Epen Ilias und Odyssee des Homer. Ein Epos ist eine Erzählung in gebundener Sprache, das ein historisches (zumindest ein als historisch verstandenes) Ereignis zum Thema hat. Ein Epos kann durchaus sehr umfangreich sein und wurde vor allem im Altertum oft verwendet. Das älteste uns überlieferte Epos ist das des sumerisch-akkadischen Helden Gilgamesch (ca. 2.652 ? 2.602 vor Christus), welches um 1.200 vor Christus niedergeschrieben wurde.

Über die Herkunft des Dichters Homer wurde schon in der Antike gestritten. Viele Städte beanspruchten diesen Dichter als Sohn zu haben, darunter Athen, Smyrna, Ithaka, Pylos, Kolophon, Argos und Chios. Sonst ist über sein Leben nur sehr wenig bekannt. Es wird in der Forschung auch angenommen, dass die Epen nicht das Werk eines Autors sind, sondern von mindestens Zweien geschrieben wurden. Auch die Datierung der Epen ist umstritten, sie entstanden irgendwann zwischen 850 ? 700 vor Christus.

Das Ältere der beiden Epen, die Ilias, handelt vom Krieg gegen die Stadt Troja (früher: Ilion). Der Trojanische Krieg dauert zu Beginn des Epos schon neun Jahre und hat als Inhalt einen Streit zwischen Achilleus (dem Besten aller Helden) und Agamemnon (dem Heerführer der Griechen). Andere kleine Geschichten sind in das Werk eingebunden (die Göttergeschichten, der Tod von Patroklos & Hektor, mehrere Schlachten).

Die Odyssee handelt von der zehnjährigen beschwerlichen Heimfahrt vom Trojanischen Krieg des Odysseus und seinen Kriegern. In der Heimat muss Telemachos, der Sohn des Odysseus, den Besitz seines Vaters gegen Freier verteidigen.

Bis die Epen niedergeschrieben wurden, hat man sie als mündliche Überlieferung tradiert. Von Generation zu Generation wurden diese als Oral Poetry von Sängern (aoidoi) weitergegeben. So wurden bestimmte Bausteine des Textes sehr genau noch aus mykenischer Zeit weitergegeben, doch viele Teile, die die Gesellschaft betreffen stammen eher aus der Zeit Homers. Dieses Werk kann man demnach nicht als Quelle für die alte Zeit benutzen, doch als Quelle für die Anfänge der archaischen Zeit konnte dieses Werk entscheidende Hinweise liefern. Daher bekommen wir ein gutes Bild der Zeit um 700 vor Christus, das mit anderen Funden ergänzt werden kann.

Die Welt am Anfang der archaischen Zeit
Beeinflusst durch die alten Sagen entstanden Kulte um alte bronzezeitliche-mykenische Gräber, die den damaligen Heroen galten. Die weltliche Ursache lag wohl darin, dass die neuen Aristokraten eine Legitimation ihrer Herrschaft erreichen wollten. In der Forschung wird auch angenommen, dass damit territoriale Ansprüche markiert werden sollten.

Aus den Epen lässt sich die damalige gesellschaftliche Struktur rekonstruieren, an deren Spitze die aristoi, bzw. agathoi standen. Von dieser Elite beherrscht wurde die breite Schicht der Bauern (laoi, demos). Die Grundeinheit dieses Systems war der sogenannte oikos, in dem sich das wirtschaftliche und soziale Geschehen abspielte. Es handelt sich beim oikos um eine Art Bauernhof, auf dem der aristokratische Herr und seine Familie lebten. Sie wohnten hier zusammen mit Bediensteten und Sklaven, sowie einigen freien Anhängern. Diese folgten im Krieg und auf Beutezügen ihrem Herrn und im Frieden verrichteten sie Dienstleistungen.

Reichtum und Besitz waren die wichtigsten Indikatoren für den sozialen Status der damaligen Zeit. Demnach war es die wichtigste Aufgabe des Aristokraten seinen Besitz und Reichtum zu vermehren. Jedes Mittel war recht und gesellschaftlich akzeptiert. Beutezüge und Kriege dienten der Sicherung, Verteidigung und Vermehrung des Reichtums.

Eine Möglichkeit seinen Reichtum zu demonstrieren war das Gastmahl. Die Aristokraten luden sich gegenseitig zu diesem Symposion ein und zelebrierten ihre Macht. Dies war zudem eine Gelegenheit sich im Wettkampf zu messen und wertvolle Preise, sowie Ansehen, zu gewinnen. Wichtig waren in diesem Zusammenhang auch die Gastgeschenke, die meist sehr wertvoll waren. Ganz der griechischen Mentalität folgend, wurde natürlich auch ein wertvolles Gastgeschenk gefordert. Auf diese Weise gingen die Griechen Bindungen zu anderen Familien ein und versuchten diese so zu festigen.

Auf der anderen Seite standen nun die einfachen Bauern, die sich ebenfalls auf einem Hof organisierten, die jedoch nicht die imposanten Ausdehnungen der Aristokraten erreichten. Dort wurden zahlreiche Pflanzen angebaut, zum Beispiel Getreide, Ölbäume und vieles mehr. Diese landwirtschaftlichen Produkte wurden auf diesem Hof weiter bearbeitet. Um so überleben zu können ist viel Pflege nötig, welche harte Arbeit erforderte. Aus zeitgenössischen Quellen haben wir über das Leben der Bauern sehr viel erfahren, gerade der Dichter Hesiod hat viel über sein Leben als Bauer geschrieben.

Generell waren die Bauern freie Menschen, die ihren Grundbesitz bestellten und einige unregelmäßige Abgaben an die Aristokraten zahlen mussten. Dafür durften sie auch an den Festen der Herrscher teilnehmen und waren damit fester Bestandteil der Gesellschaft.

Vereinzelnd gab es Könige (basileus), der gegenüber den anderen Aristokraten einige Rechte mehr hatte. Er konnte den Ältestenrat, sowie die Volksversammlung einberufen und hatte das letzte Wort in Rechtsangelegenheiten. Diese Könige sind vergleichbar mit den Herrschern aus der Ilias, zum Beispiel Agamemnon aus Mykene.

Die Polis – Das Zentrum der griechischen Welt
Aus den ehemaligen Burgzentren, z.B. in Athen, bildeten sich in der archaischen Zeit politisch unabhängige Zentren heraus, die von ihren Bürgern selbst verwaltet wurden ? die Polis.

Die Polis bildete die wichtigste politische Einheit der späteren archaischen und der klassischen Zeit. Sie umfasste ein Kern, der urbanen Charakter hatte und dem Ackerland um dieses Stadtzentrum herum. Es waren Anlagen, die nach einem Muster angelegt wurden, eine komplexe Infrastruktur und Raum für öffentliche Aufgaben hatten. Die wichtigste Stelle für die Gemeinschaft war die Agora, ein Ort (ähnlich Marktplatz) im Zentrum der Polis. Ab dem 6. Jahrhundert wurde diese Anlage repräsentativ ausgebaut und weitere wichtige Gebäude (Rathaus, Tempel) schlossen sich an diesen Platz an. Hier fanden alle wichtigen Versammlungen statt und die Tagespolitik wurde hier geregelt.

In erster Linie diente dies der Festigung der Gemeinschaft und einer Verankerung von kollektiver Identität. Die Menschen sahen sich als Teil ihrer Polis und damit als Mitglied eines Stadtstaates.

Die gesamte Polis wurde in Phylen eingeteilt, die die Basis dieses Systems bildeten. In ihnen wurden die Bürgerlisten geführt und Männer für die Armee rekrutiert. Eine Stufe darunter befanden sich die sogenannten Demen, die lediglich kleine lokale Siedlungen oder Dörfer umfassten.

Die politische Grundstruktur einer Polis war wie folgt aufgebaut. Die meisten öffentlichen Ämter wurden ständig besetzt und mit klaren Kompetenzen ausgestattet. Innerhalb einer Polis gab es mehrere Ratsorgane, die die eingesetzten Institutionen unterstützen sollten. Das Zentrum dieses politischen Systems bildete in vielen Fällen die Volksversammlung, in der die Bürger einer Polis Einfluss auf die Politik nehmen konnten.

Diese Grundstruktur erlebte je nach Polis verschiedene Ausformungen. Die besten Quellen haben wir aus Athen und so können wir die Entwicklung dieses Systems sehr genau nachzeichnen. In Athen herrschte zu Beginn ein König (basileus), der im Laufe der Zeit den Posten eine Magistraten bekleidete. Der wichtigste Beamte in diesem System wurde der archon, den Oberbefehl über die militärischen Streitkräfte übernahm der polemarchos. Dies entsprach einer Arbeitsteilung, denn diese Aufgaben hatte früher alleine der basileus zu erfüllen.

Die ersten grundlegenden staatsordnende Gesetze wurden erlassen, zum Beispiel das Gesetz von Dreros. Aus dieser Zeit stammten auch die Gesetze des Drakon, an dessen grausame Strafen heute noch gedacht wird (drakonische Strafen). Trotzdem waren sie ein wichtiger Schritt in der Geschichte des Strafrechts.

Das wichtigste Ratsorgan in Athen war wohl der Areopag, dem die Gerichtsbarkeit unterstand. Er setzte sich aus ehemaligen Archonten zusammen und war das Kontrollorgan der Verwaltung. Der wichtigste Rat in der Polis Sparta war die gerusia (Rat der Alten). Sie bestand aus 30 Mitgliedern und war der höchste Gerichtshof, vor dem sich sogar die Könige zu verantworten hatten. Die Mitglieder dieses Organs (Geronten) wurden auf Lebenszeit bestimmt und waren niemandem zur Rechenschaft verpflichtet. Sie wurden von der Volksversammlung gewählt, wobei die Methode der Spartaner heute merkwürdig erscheint. Durch Zurufe konnte jeder für seinen Kandidaten ?stimmen? und die Lautstärke entschied. Natürlich gab es in Athen eine ähnliche Instanz, die heliaia (Volksversammlung). Sie konnte Strafen verhängen und später durfte sie auch wichtige Funktionsträger ernennen.

Krisenzeiten und politische Veränderungen
Die Mehrheit der Bevölkerung, vor allem die Bauern, litt zunehmend unter sozialen Problemen. Immer öfter kam es zur Verarmung, Verschuldung und sogar Versklavung. Die Aristokraten in Griechenland kümmerten sich hauptsächlich um ihren eigenen Reichtum und ihre Machtansprüche. Diese Entwicklung begünstigte diese Krisen und es kam öfter zu bewaffneten Konflikten und Fehden innerhalb der Bürgerschaft. Zudem setzte ab 750 vor Christus ein Bevölkerungswachstum ein und die vorhandenen Ressourcen wurden immer knapper. Vor allem die Entbehrung von Land stellte in dieser frühen Gesellschaft eine enorme Bedrohung dar. Ebenso kam es zu schweren klimatischen Veränderungen in dieser Zeit. Dürreperioden ließen die Lage noch weiter zuspitzen und verlangten nach einer schnellen ? langfristigen Lösung.

Kolonisation
Eine der wichtigsten Entwicklungen, die aus diesen Problemen herausführen sollte, war die Kolonisation. Viele Festlandgriechen zog es in die weite Welt, um den Schwierigkeiten zuhause zu entkommen. Ab 750 vor Christus siedelten sich viele Griechen in Sizilien, Süditalien, im nördlichen Ägäisraum, auf Mittelmeerinseln und auch an der Küste des Schwarzen Meeres. Bald wurden auch andere Landschaften bevölkert, so zum Beispiel Kyrene in Nordafrika (632 vor Christus) oder Massalia ? heute bekannt als Marseille ? um 600 vor Christus.

Der Kolonisationsprozess an den ausgesuchten Plätzen vollzog sich meistens nach gewohntem Muster. Zuerst musste die Verteidigung gesichert werden, dann errichtete man Heiligtümer und Tempel, um sich das Wohlwollen der Götter zu sichern. Im nächsten Schritt legte man das Land fest, welches für die öffentlichen Aufgaben benutzt werden sollte; das restliche Land wurde an die neue Bevölkerung verteilt.

Bei dieser Landnahme kam es natürlich auch oft zu Streitigkeiten mit der ursprünglichen Bevölkerung, bis hin zu handfesten Kriegen. Natürlich gab es auch Verschmelzungsvorgänge oder einfach ein friedliches Miteinander.

Die Koloniestädte waren in der Regel politisch unabhängig, hielten oft aber engen Kontakt zu ihrer Mutterstadt.

Zeitgleich mit der Kolonisation kam es in einigen Städten zur Festigung und dem Ausbau der politischen Strukturen; woanders konnten Tyrannen die Macht an sich reisen und errichteten ein terroristisches Regime.

Solons Reformen
olons Reformen (um 600 vor Christus) waren ein erster Versuch politisch auf die Krise zu reagieren. Solon wurde von der Volksversammlung in Athen zum Archont und Schlichter gewählt und verfügte daraufhin eine allgemeine Schuldentilgung, sowie die Abschaffung der Schuldknechtschaft. In einem weiteren Schritt änderte er die Verfassung (den Staatsaufbau) Athens. Er führte das Mehrheitswahlrecht ein und ließ die Volksversammlung regelmäßig zusammenkommen. Auch die Gesetzgebung wurde erneuert, um die Macht der Aristokraten einzuschränken. Die Beschlüsse der Volksversammlung wurden nun veröffentlicht und konnten am Tempel nachgelesen werden. Mit diesen Veränderungen wurde er der neuen sozialen Situation gerecht. Da die Bürger in der neuen Phalax- und Hoplitenstrategie eine wichtige Rolle innehatten mussten sie auch in Entscheidungen eingebunden werden.

Tyrannen
Der erste dieser Alleinherrscher war Kypselos von Korinth um 660 vor Christus, der seine Gegner ausstach, als diese das alte politische System nicht festigen konnten. Auch in anderen Polis konnten sich einzelne Männer an die Macht setzten, so wie Theagenes in Megara und in Athen. Der Machtkampf um die Vorherrschaft in Athen brach um 560 vor Christus zwischen Megakles, Lykurgos und Peisistratos aus. Nach zwei gescheiterten Versuchen konnte sich Letzterer um 546 vor Christus mit Hilfe eines Söldnerheeres durchsetzten.

Nach seinem Tod folgten ihm seine Söhne Hippias und Hipparchos auf den Thron. Hipparchos wurde früh ermordet und sein Bruder verschärfte das Terrorregime.

Mit der Hilfe Spartas konnten die Athener sich von dieser unbeliebten Staatsmacht befreien, doch sofort begannen neue Machtkämpfe in Athen.

Reformen des Kleisthenes
Nach dem man sich von der Tyrannis befreit hatte brach ein weiterer Machtkampf unter den Aristokraten aus. Auf der einen Seite stand Kleisthenes und auf der anderen Isagoras. Man war sich bewusst, dass die politische Situation stabilisiert werden musste. Der erhebliche Bevölkerungszuwachs machte eine Reorganisation der Verfassung notwendig. Dank seiner neuen Ideen konnte sich Kleisthenes gegen Isagoras durchsetzten, da der Erstere den Einfluss der Bürger stärken wollte und so die Mehrheit hinter sich hatte.

Kleisthenes richtete 139 Demen ein, das sind kleine lokale Einheiten, die sich selbst verwalten sollten. Sie mussten ihre eigene Finanzpolitik betreiben und konnten eigenen Kulten nachgehen. Jede dieser Demen hatte einen gewählten Sprecher, den sogenannten demarchos.

Diese Demen wurden in Trittyen zusammengefasst. Insgesamt gab es 30 Stück dieser Einheiten, davon zehn aus dem städtischen Bereich (Asty) und je zehn aus den Küstengebieten (Paralia) und dem Binnenland (Mesogeia). Jeweils eine dieser Einheiten wurde zu einer Phyle (bestehend aus drei Trittyen) zusammengefasst. So wurden in einer Phyle (insgesamt zehn Stück) die städtischen Interessen, sowie die der Küstenbewohner oder der Binnenlandbewohner, vertreten. Innerhalb dieser Einheiten ging man demselben Kult nach, was die Integration und die Zusammengehörigkeit fördern sollte.

Jede Phyle wählte auch 50 Abgeordnete, die im berühmten ?Rat der 500? die Interessen zu vertreten hatten. Gewählt wurden diese Ratsmitglieder für ein Jahr und damit war der Einfluss aller Bürger auf die Politik gesichert.

Die wichtigen Grundlagen für die Ausbildung der Demokratie in der klassischen Zeit waren nun gelegt.